Samstag, 31. Oktober 2026
Kultur & Geschichte

Die Schachnovelle: Ein Spiel als letzter Ausweg

Stefan Zweig schrieb sein bekanntestes Werk im Exil – über einen Wiener, der in Einzelhaft Schach lernt, um nicht verrückt zu werden

Zweigs letzte Novelle erschien zuerst auf Portugiesisch und dann in 300 Exemplaren in Buenos Aires. Was sie über Schach, Haft und Exil erzählt – und was nicht.

Von Ulrich Stock·3 Min. Lesezeit
Grafik mit dem Schriftzug Schachnovelle auf dunkelgrünem Grund
Grafik mit dem Schriftzug Schachnovelle auf dunkelgrünem Grund. Grafik: ZUGZWANG

Die „Schachnovelle” ist das bekannteste Werk Stefan Zweigs und zugleich sein letztes. Er schrieb sie 1941 und 1942 im brasilianischen Exil, in Petrópolis, seinem letzten Wohnort. Am 23. Februar 1942 nahm er sich dort gemeinsam mit seiner Frau Lotte das Leben.

Die Novelle erschien erst danach – und auf einem bemerkenswerten Umweg.

Erst Portugiesisch, dann 300 Exemplare

Kurz vor seinem Tod schickte Zweig das Typoskript an Alfredo Cahn, der eine Veröffentlichung in Südamerika in die Wege leitete. Im September 1942 kam in Rio de Janeiro eine portugiesische Ausgabe heraus. Die deutsche Erstausgabe folgte am 7. Dezember 1942 in Buenos Aires, in einer limitierten Auflage von 300 Exemplaren. In Europa erschien der Text im Frühjahr 1943 im Stockholmer Exilverlag von Gottfried Bermann Fischer, 1944 in New York die erste englische Übersetzung.

Zweigs berühmteste Erzählung begann also als Liebhaberdruck in Argentinien.

Zwei Männer am Brett

Die Handlung spielt auf einem Passagierdampfer nach Buenos Aires. An Bord ist der Schachweltmeister Mirko Czentovic, Sohn eines armen südslawischen Donauschiffers, von einem Pfarrer aufgezogen, mit zwanzig Jahren Weltmeister. Zweig zeichnet ihn als Mann, der außer Schach nichts kann und außer Geld nichts will.

Der schottische Geschäftsmann McConnor bezahlt Czentovic dafür, gegen eine Gruppe von Passagieren zu spielen. Die erste Partie verlieren sie erwartungsgemäß. In der zweiten mischt sich ein Unbekannter ein, gibt ihnen Züge vor, und die Partie endet remis. Dieser Mann ist Dr. B.

Schach gegen die Leere

Dr. B. ist Österreicher, ehemals Vermögensverwalter des österreichischen Adels und Klerus. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1938 hält ihn die Gestapo monatelang in Einzelhaft, um ihn zur Preisgabe der verwalteten Vermögen zu zwingen.

Eines Tages stiehlt er ein Buch aus einer fremden Manteltasche. Es ist eine Sammlung berühmter Schachpartien. Er spielt sie zunächst auf seinem karierten Betttuch nach, Monate später vollständig im Kopf. Das Schach rettet ihn vor dem Verstummen und wird dann selbst zur Krankheit: Er beginnt, gegen sich selbst zu spielen, das unterlegene Ich verlangt sofort Revanche. Dr. B. nennt diesen Zustand „Schachvergiftung”.

Auf dem Schiff spielt er gegen Czentovic. Die erste Partie gewinnt er souverän, zum allgemeinen Erstaunen. Die zweite beendet er auf eindringlichen Hinweis des Erzählers durch Aufgabe.

Wie viel Schach steckt darin?

Weniger, als man denkt – und mehr. Zweig selbst war kein guter Spieler. Ernst Feder, der mit ihm spielte, schrieb: „Ich bin ein schwacher Spieler, aber seine Kenntnis der Kunst war so gering, daß es mich Mühe kostete, ihn gelegentlich eine Partie gewinnen zu lassen.”

Und doch ist die Novelle genauer, als dieser Satz vermuten lässt. Dr. B. erinnert sich an eine reale Partie: Aljechin gegen Bogoljubow, gespielt 1922 beim Turnier in Bad Pistyan. Der Zug Kg8–h7, den er in der Novelle empfiehlt, ist der Zug, den Bogoljubow damals tatsächlich spielte. Zweig kannte die Partie vermutlich aus Savielly Tartakowers Buch „Die hypermoderne Schachpartie”.

Um Schachtheorie geht es in der Novelle aber nicht. Es geht um die Frage, was ein Mensch tut, wenn man ihm alles nimmt, und was das Mittel, das ihn rettet, aus ihm macht. Dass Zweig diese Frage gerade am Schach stellte, liegt nahe: Schach lässt sich ohne Brett und Figuren betreiben, nur im Kopf. Das macht es zur perfekten Zuflucht und zur perfekten Falle.

Nachleben

Die Novelle wurde zweimal verfilmt, 1960 und 2021. Wer sie nach Jahren wieder aufschlägt, merkt, dass sie weniger von Czentovic handelt als von Dr. B. – und damit auch von Zweig selbst, der sein Österreich verloren hatte.

Zum Weiterlesen: Ein Wiener Schachleben ganz anderer Art erzählt unser Porträt von Carl Schlechter, dem Wiener Meister, der 1910 gegen Lasker um die Weltmeisterschaft spielte. Und wer Partien nachspielen will wie Dr. B., findet in Stefan Löfflers Eröffnungsserie den Einstieg, etwa mit der Italienischen Partie.

Quellen

Wikipedia-Artikel „Schachnovelle” und „Stefan Zweig” (Entstehung, Ausgaben, Handlung, Aljechin–Bogoljubow, Feder-Zitat, Verfilmungen); Sergio Ernesto Negri, „When you receive this letter…”, ChessBase 2018 (Petrópolis, Ziel der Schiffsreise).

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