Wesley So ist zum vierten Mal US-Meister
Ein Remis hätte gereicht. Dann kam die Schlussrunde – und ein Stichkampf gegen Fabiano Caruana
Zehn Runden ungeschlagen, dann die Niederlage gegen den Letzten: Wie Wesley So den Titel fast verspielte und ihn im Stichkampf gegen Caruana doch holte.

Zwölf Großmeister, elf Runden, jeder gegen jeden im Saint Louis Chess Club. Am Ende standen Wesley So und Fabiano Caruana mit je 7 aus 11 Punkten an der Spitze. Den Titel entschied am Tag nach der Schlussrunde ein Stichkampf, den So mit 1½:½ gewann. Laut FIDE ist es sein vierter US-Titel.
Dass es überhaupt zum Stichkampf kam, war die eigentliche Geschichte dieses Turniers.
Zehn Runden ohne Niederlage
So spielte ein Turnier, wie man es von ihm kennt: wenige Risiken, kaum Fehler. Vier Siege gelangen ihm, gegen Sam Shankland, Jeffery Xiong, Ray Robson und Andy Woodward, dazu sechs Remis. Zweimal gewann er mit der Italienischen Partie, gegen Shankland im Giuoco Piano und gegen Robson im Giuoco Pianissimo – jener ruhigen Spielweise, in der lange nichts passiert und am Ende doch einer zu viel riskiert hat.
Vor der letzten Runde führte So mit 7 aus 10, einen Punkt vor Caruana und Grigoriy Oparin. Ein Remis gegen Samuel Sevian hätte ihm den alleinigen Titel gesichert. Sevian lag zu diesem Zeitpunkt auf dem letzten Platz.
Die Schlussrunde
Was dann geschah, lässt sich an den Engine-Bewertungen der Übertragung ablesen. Sevian spielte mit Weiß eine Variante des Nimzowitsch-Indischen, gewann im 21. Zug einen Bauern und stand nach dem schwarzen 30…f5 auf Gewinn. Doch die Uhr arbeitete gegen ihn: Die Züge bis zur Zeitkontrolle im 40. Zug spielte er mit rund einer Minute Restzeit. Gleich danach, mit 41.Kc5, gab er den Vorteil wieder ab. Die Bewertung fiel auf Ausgleich.
Sieben Züge lang hielt die Stellung. Dann griff So daneben.
Mit 48…Txg3 schlug So den Bauern g3 – und verlor die Partie. Nur 48…Tb2 hielt nach der Lichess-Cloud-Analyse das Gleichgewicht; nach dem Partiezug ist die Stellung für Weiß gewonnen. Die FIDE schrieb in ihrem Bericht, So habe im 48. Zug die Chance zum Remis ausgelassen. Sevian gewann im 67. Zug.
Am Nebentisch tat Caruana, was er tun musste. Gegen Awonder Liang gewann er mit Weiß in der Tarrasch-Verteidigung, die FIDE sprach von einem „vernichtenden Angriff”. Oparin dagegen kam gegen Robson nicht über ein Remis hinaus und teilte mit Xiong, der mit Schwarz gegen Hans Niemann gewann, den dritten Platz.
Der Stichkampf
Zwei Schnellpartien sollten entscheiden. In der ersten, mit Caruana am Anzug, hatte So mit Schwarz laut FIDE alle Chancen und ließ sie verstreichen: remis. In der zweiten übernahm er mit Weiß früh die Initiative. Nach einem Vierspringerspiel rochierte er lang und schob die Bauern am Königsflügel vor. Caruana, nur noch mit etwa einer Minute auf der Uhr, verlor mit 21…b4 eine ganze Figur. Im 33. Zug gab er auf.
Beide Partien – die Schlussrunde und die entscheidende Stichkampfpartie – stehen kommentiert auf der Turnierseite, zum Nachspielen Zug für Zug.
Woodward und Li
Die bemerkenswerteste Einzelleistung neben den beiden Erstplatzierten kam von Andy Woodward. Der US-Juniorenmeister wurde mit 6 Punkten Fünfter und fügte Caruana dessen einzige Niederlage zu, in der fünften Runde mit Weiß in der Ragosin-Verteidigung. Verloren hat er selbst nur gegen So.
Parallel lief die Meisterschaft der Frauen. Dort gewann die 16-jährige Rachael Li bei ihrem ersten Antreten mit 8½ aus 11, einen halben Punkt vor Alice Lee. Irina Krush wurde mit 7½ Dritte.
Quellen
Endstand, Stichkampfergebnis und Frauenwertung: Saint Louis Chess Club. Ablauf von Schlussrunde und Stichkampf: FIDE. Stand vor der Schlussrunde und Alter von Rachael Li: Berichte von ChessBase zu den Runden 8 und 10. Partien, Restbedenkzeiten und Engine-Bewertungen: Lichess-Übertragung. Die Remisstellung im 48. Zug wurde mit der Lichess-Cloud-Analyse geprüft.
