Montag, 2. November 2026
Menschen & Geschichten

Carl Schlechter: Der Wiener, der 1910 fast Weltmeister wurde

Er galt als ausnehmend fairer Spieler, führte 1910 gegen Lasker – und starb acht Jahre später verarmt in Budapest

1910 lag Carl Schlechter vor der letzten Partie gegen Weltmeister Lasker in Führung. Ein Porträt des Wiener Meisters, seiner Spielweise und seines Endes 1918.

Von Elisabeth Petsch·4 Min. Lesezeit
Grafik mit dem Namen Carl Schlechter und den Lebensdaten 1874 bis 1918
Grafik mit dem Namen Carl Schlechter und den Lebensdaten 1874 bis 1918. Grafik: ZUGZWANG

Es gibt Spieler, an die man sich wegen eines Titels erinnert, und solche, an die man sich erinnert, weil ihnen ein Titel fehlt. Carl Schlechter gehört zur zweiten Gruppe. Im Februar 1910 ging er mit einem Punkt Vorsprung in die letzte Partie seines Wettkampfs gegen Emanuel Lasker. Er verlor sie. Der Wettkampf endete 5:5, Lasker blieb Weltmeister.

Schlechter wurde am 2. März 1874 in Wien geboren und starb am 27. Dezember 1918 in Budapest. Dazwischen liegt eine der großen Karrieren des Wiener Schachs – und ein Ende, das zu ihr nicht passt.

Der Positionsspieler

Schlechter war ein Spieler der Wiener Schule, und die Deutsche Biographie beschreibt sie mit einem Satz, der auch auf ihn selbst zutrifft: ein Streben nach positionellem Vorteil und das Vermeiden verfrühter Angriffe. Er kannte die Lehren von Wilhelm Steinitz genau und galt als Fachmann der Spanischen Partie, jener Eröffnung, in der lange Pläne mehr zählen als schnelle Tricks.

Seine Erfolge sprechen für diese Haltung. Er gewann 1900 in München, gemeinsam mit Harry Nelson Pillsbury und Géza Maróczy, 1904 in Coburg, ebenfalls geteilt, 1906 die internationalen Turniere in Ostende und Stockholm, 1908 die Jubiläumsturniere in Wien und Prag und 1910 das Turnier in Hamburg.

Weniger schmeichelhaft war sein Spitzname. Weil er Remisangebote mitunter auch in besserer Stellung annahm, nannte man ihn den „Remiskönig”.

Ein fairer Gegner

Was Zeitgenossen an Schlechter besonders auffiel, hatte mit Schachtheorie wenig zu tun. Er galt als ausnehmend fairer und ehrenhafter Spieler. Fühlte sich ein Gegner unwohl, bot er ihm aus Höflichkeit Remis an. Kam ein Gegner zu spät, zog er sich, ohne Aufhebens, dieselbe Zeit von der eigenen Uhr ab.

Man kann sich fragen, ob diese Haltung ihn Punkte gekostet hat. Seinen Ruf hat sie jedenfalls geprägt, bis heute.

1910: Wien und Berlin

Vom 7. Januar bis 10. Februar 1910 spielten Lasker und Schlechter zehn Partien, in Wien und Berlin. Acht endeten remis. Die fünfte gewann Schlechter, die zehnte Lasker.

Um diese zehnte Partie ranken sich bis heute Fragen. Schlechter führte vor ihr mit einem Punkt. Ein Remis hätte ihm den Wettkampfsieg gebracht – ob auch den Titel, ist bis heute umstritten. In der drei Tage dauernden Partie, in der er die später nach ihm benannte Schlechter-Variante im Slawischen wählte, stand er auf Gewinn, ließ den Vorteil in eine klare Remisstellung abgleiten und verlor dann doch.

Warum er nicht einfach auf Remis spielte, ist ungeklärt. Eine verbreitete Erklärung lautet, er habe mit zwei Punkten Vorsprung gewinnen müssen, um den Titel zu erhalten. Belege dafür gibt es nicht; ein Vertrag über den Wettkampf wurde nie gefunden. Lasker selbst sagte zwei Tage vor der letzten Partie, sollte Schlechter gewinnen, habe „ein guter Mann” die Weltmeisterschaft gewonnen – was gegen eine solche Klausel spricht. Andere vermuten finanzielle Gründe, nervliche Belastung oder schlicht den Ehrgeiz, den Titel mit einem Sieg statt mit einem Remis zu holen. Auch ob der Wettkampf überhaupt als Weltmeisterschaft galt, wurde später bezweifelt.

Fest steht nur das Ergebnis: 5:5, und der Titel blieb bei Lasker.

Der Theoretiker

Neben dem Turnierschach widmete sich Schlechter der Theorie. Von 1912 bis 1916 bearbeitete er die achte und letzte Auflage von Bilguers „Handbuch des Schachspiels”, eines Standardwerks der Schachtheorie. Beiträge lieferten unter anderem Rudolf Spielmann, Siegbert Tarrasch und Richard Teichmann.

Wer heute eine Variante „nach Schlechter” spielt, etwa im Slawischen Damengambit, bewegt sich in seinem Erbe.

Das Ende

Schach war Schlechters Beruf, und ein anderes Einkommen hatte er nicht. In den Kriegsjahren wurde das zum Verhängnis. Die Deutsche Biographie hält fest, dass seine Karriere in den letzten Lebensjahren unter den ärmlichen Lebensumständen litt. Im Dezember 1918, nach einem Meisterturnier in Budapest, starb er an den Folgen von Unterernährung und einer Lungenentzündung. Er wurde 44 Jahre alt und am 31. Dezember in Budapest begraben.

Fünf Jahre später, 1923, organisierten zwölf Meister und frühere Gegner in Wien das erste Schlechter-Gedenkturnier. Seit 1995 trägt in der Donaustadt, dem 22. Wiener Bezirk, ein Weg seinen Namen.

Dass ein Mann, der um die Weltmeisterschaft spielte, verarmt und unterernährt starb, gehört zu den bitteren Kapiteln der Schachgeschichte. Wie das Spiel in Wien später noch einmal literarisch verarbeitet wurde, erzählt unser Artikel über Stefan Zweigs „Schachnovelle”.

Quellen

Wikipedia, „Carl Schlechter” (deutsch) und „Carl Schlechter” (englisch); Wikipedia, „World Chess Championship 1910” (Termine, Ergebnisse, Streit um die Zwei-Punkte-Klausel, Lasker-Zitat); Deutsche Biographie (Spielweise, Spitzname, Lebensumstände, Gedenkturniere seit 1923).

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